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Abschnitt 1 von 2
SonderangebotDas Durchstöbern von Ständen und Verkaufstischen mit Sonderangeboten spielte im Leben von Matilde Hurt Freizeit eine bedeutende Rolle. Frau Hurt, eine vierzigjährige Mutter von zwei Söhnen, konnte an keinem Preisnachlass ungerührt vorbeigehen. Wenn es ihr mal nicht gelang, nach der Arbeit einen Abstecher in eine Einkaufspassage zu tun, verursachte ihr diese Tatsache eine unruhige Nacht und einen launischen Morgen.
Auch an diesem trüben Nachmittag vermochte sie der Versuchung nicht zu widerstehen. Bei Wulkich in der Wilmersdorfer Straße herrschte immenses Gedränge. In der Regel hielten sich die Menschen zu Beginn eines neuen Jahres mit ihren Einkäufen zurück. Weihnachten und Neujahr hatten auf vielen Girokonten eine gähnende Leere hinterlassen. Also müsse es sich, folgerte Frau Hurt, um ein besonders günstiges Sonderangebot handeln. Wie war sonst dieser Menschenauflauf zu erklären? Ihr Puls stieg rapide, und ihre Lippen begannen erwartungsvoll zu beben. Nach einer kurzen Beurteilung der Lage stürzte sie sich mitten zwischen die gierig und rücksichtslos zuschnappenden Hände. Ein putzig aufgedonnerter Verkäufer rief enthusiastisch in die Menge:" Meine Damen, meine Herren, das dürfen Sie sich nicht entgehen lassen. Das wäre eine Sünde, und die begeht man nicht so kurz nach dem Fest. Weihnachten und Neujahr kommen wieder, vielleicht findet man sogar irgendwann die Arche Noah, aber dieses Angebot ist absolut einmalig. Schauen Sie sich diese Pullis und Hemden an. Fühlen Sie diese Qualität. Der Wolle sind pflanzliche Fasern beigemischt, gewonnen aus den einzigartigen Hölzern des Regenwaldes, die eine revolutionäre Hautverträglichkeit bieten. Kommen Sie, fühlen Sie, kaufen Sie, bevor es andere für Sie tun und Sie sich später schwarz ärgern."
Die Menschen zögerten nicht lange. Sie kauften wie im Rausch. Hier und da riss eine potentielle Käuferin einer anderen das Objekt ihrer Begierde rabiat aus den Händen. Gezänk und Gekeife durchbrach das Summen der Stimmen. Nach Gebrauch ihrer Ellenbogen gelang es Frau Hurt im letzten Moment, drei Hemden zu ergattern. Und der Preis, sensationell! Sie konnte kaum abwarten, die Einkäufe ihren Liebsten zu zeigen.
"Nun schaut euch, Kinder, dies hier an!"
Triumphierend hielt sie die Hemden in die Höhe und musterte gespannt ihre Familienangehörigen.
Georg Hurt, Fahrer bei einem Entsorgungsunternehmen, hatte inzwischen gelernt, mit der Kaufmacke seiner Frau zu leben. Manchmal heuchelte er sogar Begeisterung vor, was ihm allerdings in der letzten Zeit immer schwerer fiel. Er wusste, dass seine Frau es eigentlich gut meinte, aber der Kaufversuchung schutzlos ausgeliefert war. Artig streifte der Mann das ihm entgegengehaltene Hemd über und fand es überraschend kuschelig. Die beiden Söhne, Marko 14 und Christian 17, maulten.
"Aber, Mutti, du weiß doch, dass wir solchen Stuss nicht mögen", sagte Christian und blickte seine Mutter mit heruntergezogenen Mundwinkeln an.
"Ja, ich weiß, aber das hier ist wirklich einmalig bequem. Ihr hättet sehen sollen, wie die Leute sich danach gerissen haben. Nun habt euch nicht so."
Nach langer Überzeugungsarbeit brachte sie die Jungs wenigstens dazu, die Hemden anzuprobieren. Die Söhne waren alles andere als begeistert, trösteten sich aber damit, dass die Klamotten in ein paar Tagen in irgendeinem Schrank auf Nimmerwiedersehen verschwinden würden. So war es bis jetzt immer gewesen.
Georg Hurt hatte in dieser Angelegenheit schon etliche ergebnislose Aussprachen mit seiner Frau geführt. Sie beteuerte zwar immer wieder, überflüssige Einkäufe zu unterlassen und das Haushaltsgeld zusammenzuhalten, aber ihre Schwüre waren nie von Dauer. Er gab es auf und entschied sich für den Familienfrieden.
Einige Tage später bemerkte Frau Hurt Veränderungen an ihrem Mann. Eigentlich nichts Schlimmes, aber da war etwas, das ihn bedrückte und offensichtlich sein Allgemeinbefinden beeinträchtigte. Nach siebzehnjähriger Ehe fühlte sie das intuitiv. Die Ungewissheit wurde von einem nagenden Verdacht begleitet. Hatte er eine Geliebte?! Behutsam stellte sie ihn zur Rede.
"Möchtest du mit mir über etwas sprechen? Hast du Probleme auf Arbeit?"
Trotz ihres Kauffimmels blieb sie eine aufmerksame, mitfühlende Ehefrau und Mutter, die ihre Familie über alles liebte. Gefühlsschwankungen ihres Mannes hatte sie bis jetzt fast immer richtig gedeutet.
"Ich weiß nicht, was das ist, aber seit einigen Tagen fühle ich mich nicht besonders wohl. Vielleicht ist eine Grippe im Anmarsch oder irgendein Virus."
Erleichtert atmete sie auf.
"Ach, mach dir deswegen keine Sorgen. Ich mache dir ein molliges Bad und dann einen heißen Grog. Du wirst sehen, danach fühlst du dich wie neugeboren."
Aber der Mann fühlte sich auch nach fünf molligen Bädern und unzähligen Grogs nicht besser. Er befürchtete schon, zum Alkoholiker zu werden. Eine schleichende, tückische Krankheit befiel ihn, beraubte ihn des Appetits und legte um seine Seele täglich enger werdende apathische Fesseln an, die er nicht abzustreifen vermochte.
Georg Hurt suchte seinen Hausarzt auf. Das Leiden gab Doktor Mandel Rätsel auf. Der Patient verspürte einen massiven Ekel vor Bekleidung aller Art. Zuerst vermutete der Arzt eine nervöse Allergie, doch fehlten die typischen Symptome wie Durchfall und Erbrechen, die normalerweise so eine Anfälligkeit begleiten. Eine Besserung trat offensichtlich nur dann ein, wenn der Patient völlig unbekleidet war und überhaupt keine Anziehsachen zu Gesicht bekam.
Während sich die Krankheit von Georg Hurt unverändert dahinschleppte, grübelte Doktor Mandel über den Patientenakten. Eine kribblige Unruhe erfasste ihn. Er konnte sich täuschen, aber er war der festen Ansicht, eine bis dahin unbekannte Krankheit aufgespürt zu haben. Die Anzeichen passten in keine ihm bekannte Kategorie, obwohl er alle kuriosen Krankheitsverläufe heranzog, die seit dem Bestehen seiner Praxis vorgekommen waren. In der letzten Zeit häuften sich geradezu in seinem Sprechzimmer ähnlich gelagerte Fälle. Und fast immer wurden die Beschwerden seiner Patienten von Bekleidungsekel begleitet. Das konnte kein Zufall sein. Auch andere Arztkollegen berichteten über ähnliche Erkrankungen ihrer Patienten. Doktor Mandel musste sich beeilen, wenn er die neue Krankheit mit allen ihren zahlreichen Erscheinungsbildern als erster Arzt der Ärztekammer oder einem anderen Gremium vorstellen wollte. Der Ruhm sollte einzig ihm gelten.
Der Arzt tat etwas, was er noch nie getan hatte: er suchte unangemeldet die Patienten auf, die von dem mysteriösen Leiden befallen waren. Nach einer Woche glaubte er, die Ursache der Krankheit eingekesselt und lokalisiert zu haben. Er brauchte nur noch einen endgültigen Beweis, dann konnte er die Saat ernten. An diesem Abend klingelte er bei Familie Hurt.
"Guten Abend, Doktor Mandel", sagte Frau Hurt überrascht, " Sie wollen wohl meinen Mann kontrollieren?"
"Keineswegs, nichts liegt mir ferner. Aber da gibt es etwas, worüber ich mit Ihnen sprechen muss", sagte der Arzt und lächelte einnehmend.
"Bitte, kommen Sie rein."
Der Doktor kam gleich zur Sache.
"Die Krankheit Ihres Mannes lässt mir, ehrlich gesagt, keine Ruhe. Ich bin schon die ganze Woche unterwegs und glaube nun auf der richtigen Fährte zu sein."
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